Abendzeitung
München 11. Januar 2008
Wahnsinnig überwintern
»kunst im bau 3«: Veranstaltungsreihe in der alten Zellvilla
Von Michael Stadler
Die Zellvilla am Rande der Isar hat schon bessere Zeiten
gesehen, sanierungsbedürftig verbreitet sie den Charme einer
Ruine. Um 1900 wurde das Gebäude zwischen Muffathalle und
Praterinsel als Bleibe fiir den Direktor der
städtischen
E-Werke gebaut, inklusive einem unterirdischen Labor. Das neobarocke
Wohnhaus soll. diesen Sommer wieder in altem Glanz erstrahlen. Davor
überwintert die Kunst füir zwei Monate in der
Rohbaustelle. Am Mittwoch Abend wurde die Veranstaltungsreihe "kunst im
bau 3" von Julian Nida-Rümelin eröffnet, ein Projekt
initiiert von der für die Sanierung zuständige
Bauherrngemeinschaft Duken & v. Wangenheim sowie dem
Architekten Uwe Binnberg und dem Kuratoren Christoph Nicolaus.
Das 460 Quadratmeter große, flachgedeckte Labor im
Tiefgeschoss hat bereits der Düsseldorfer Künstler
Marcus Kaiser in eine wenig lauschige Höhle für seine
Installation "überwinterung/opem&aktal" verwandelt.
Zwei Monate will Kaiser hier hausen, eine Schlafkoje steht auch
für Gäste bereit - Mitmachkunst für
Abenteuerlustige. Als eine "Expedition in die Zeit" versteht
der Künstler sein Projekt, der Kunstraum ist
gleichsam Lebensraum: Neben dem Eingang verspricht ein
Holzhaufen Wärme, eine Axt ruht in einem Block. Natur hat
Kaiser in den Raum verpflanzt, Grünes steht in einem von
Stretch-Folie umwickelten Klein- Biotop.
Für den Kampf gegen die Langeweile, damit die Zeit unbemerkt
vergeht, hat der studierte Cellist sein Instrument in einem Holzkasten
hinterlegt. Dort will er musizieren, die Naturklänge, die den
Raum erfüllen, zu einer vielschichtigen Winteroper
ergänzen. Kaisers Vivarium erscheint als Zusammenspiel von
Fragmenten, Videos flimmern über Bildschirme und an
Wänden. Weltkarten und Foucaults "Gesellschaft und Wahnsinn"
hat er zerstückelt und in neuer Ordnung zusammengesetzt, die
Sejten sind in Schaukästen ausgestellt. Neben der dauerhaften
Installation sollen Konzerte, Lesungen, Performances und weitere
Ausstellungen die einstige E-Werk-Villa unter Strom
setzen.
Bis 29. 2., „überwinterung/opernfraktal":
täglich 16 bis 22 Uhr, Infos: www.kunst-im-bau.org.