pressespiegel - Kunst im Bau 3

IN München Ausgabe 03/2008

Aus den Laboratorien
Wenn Kunst wesentlich wird

Eine Lebensrauminstallation: ÜBERWINTERUNG/OPERNFRAKTAL


Direkt hinter dem Muffatwerk in Richtung Praterinsel liegt eine denkmalgeschützte Neubarock-Villa von schlossähnlichem Charakter, die Zellvilla. Um 1900 für den Direktor der städtischen Elektrizitätswerke erbaut, umfasst das historische Ensemble neben dem stattlichen Wohnhaus ein unterirdisches Laboratorium, das sich zu einem abgesenkten Innenhof hin öffnet. Derzeit wird die Gesamtanlage saniert. Bereits bei früheren Projekten - Hochbunker an der Claude-Lorrain-Straße und Schyrenbad - hat der maßgeblich Drahtzie­her Uwe Binnberg die ganz besondere Situation einer Bauphase für Kunstaktionen geöffnet und ermöglicht hier nun Kunst im Bau 3, kuratiert von Christoph Nikolaus.

Während in der Villa schweres Gerät tobt, hat der Künst­ler Marcus Kaiser den Forschungstrakt bezogen. Er ist wild entschlossen zu halten, was der Titel überwinterung / opernfraktal verspricht und will hier bis Ende Februar ausharren. Ein gewagtes Unterfangen, denn die 460 m2 große Halle ist nur sehr provisorisch von Außenraum und Witterung abgegrenzt. Das Thema Energie liegt hier auf der Hand und soll - so das Konzept - in künstlerischer Umsetzung die Geschichte des von der Energiegewinnung geprägten Ortes in neuer Weise beleben. Zum Auftakt gibt sich der Düsseldorfer Installations-, Aktionskünstler, Komponist und Cellist Marcus Kaiser zuversichtlich. Über den Raum hat er mehrere Kubaturen verteilt, die Büro, Schlafplatz, Musikzimmer oder Zimmerpflanzen beherbergen, dazwischen eine raumgreifende Installation mit Fragmenten früherer Installationen und Projekte ­ Skulpturen, Videos, Zeichnungen und Klangkompositionen. In dieser Vermischung aus konkreter Lebenssituation und künstlerischem Ausdruck wird er seine Projekte weiterentwickeln, ständig verändern und zu einem Opern­fraktal verdichten. Als Musiker ist es ihm ganz vertraut, dass Prozesse - wie etwa das Einstudieren eines ganz bestimmten Musikstückes - Jahre dauern können. In der Kunstszene, so meint er, gewinnt das schnelllebige Ringen um zeitgenössische Authentizität immer mehr Raum. Aus dieser Perspektive wird Zeit, Ablagerung, Veränderung und Schichtung zu den zentralen Motiven all seiner Arbeiten. So lohnt es, dieses grandiose Projekt mehrfach zu besuchen. Gelegenheit dazu ist täglich zwischen 16 Uhr und 22 Uhr, warme Kleidung ist dabei höchst ratsam. Darüberhinaus gibt es an jedem Mittwoch Abendveranstaltungen. Am 30.1. - diesen Termin sollte man sich unbedingt vormerken  - bekommt er Besuch von der Münchner Künstlerin Kim Siyoung. Mit optischen Effekten wird sie unter dem Titel Fata Morgana in das Laboratorium interve­nieren und erweitert den Parcours um eine spannende Gratwanderung zwischen Täuschung und Realität.